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#Denkraum

Mehr Wohlstand durch globale Vernetzung

Dr. Frank Appel, CEO Deutsche Post DHL Group

Es ist noch nicht lange her, da hielten viele Menschen die Globalisierung für unumkehrbar. So stieg die jährliche Zahl der Flugpassagiere seit 1970 von etwa 300 Millionen auf heute deutlich über 3 Milliarden an. Und die Zahl der Internetnutzer nahm weltweit von 400 Millionen im Jahr 2000 auf 3,2 Milliarden (2015) zu. Die rasant wachsende Vernetzung der Welt durch Flugverkehr, Containerschifffahrt, das Internet und vieles mehr bot Menschen, Gütern und Informationen eine nie zuvor gekannte Bewegungsfreiheit. Ihren vielleicht prägnantesten Ausdruck fand dieses neue Gefühl von Grenzenlosigkeit in dem geflügelten Wort „Die Welt ist flach“.

Doch schon als der Autor Thomas Friedman 2005 sein gleichnamiges Buch veröffentlichte, waren Zweifel an der These von der abgeschlossenen Globalisierung angebracht. Zwar ist die Welt ohne Zweifel durchlässiger geworden. Doch damals wie heute gilt: Das Handeln von Menschen und Unternehmen wird weiterhin wesentlich von Grenzen, Entfernungen und der eigenen geografischen Einbettung geprägt. Austausch findet in erstaunlich großem Maße innerhalb nationaler Grenzen oder einzelner Regionen statt, wie der alle zwei Jahre erscheinende DHL Global Connectedness Index (GCI) zeigt.

 

Die Welt ist nicht flach

Der GCI dokumentiert dies in ganz verschiedenen Dimensionen: Zum Beispiel beträgt der Anteil von Exporten an der globalen Wertschöpfung (BIP) weniger als 25%. Der Anteil ausländischer Direktinvestitionen an den globalen Anlageinvestitionen eines Jahres liegt sogar bei unter zehn Prozent. Auch Informationsströme sind weniger internationalisiert als es scheint: Weniger als fünf Prozent aller Telefongespräche weltweit finden grenzüberschreitend statt. Und der Anteil des Internetverkehrs, der Grenzen überschreitet, liegt bei unter 20 Prozent. Selbst das Ausmaß weltweiter Migration wird vielfach weit überschätzt: Global gesehen machen Migranten weniger als fünf Prozent der gesamten Bevölkerung aus.

„Austausch findet in großem Maße innerhalb nationaler Grenzen und einzelner Regionen statt“

Kurzum: Die Welt ist weit davon entfernt, flach zu sein. Und sie scheint auch nicht mehr flacher zu werden. Zwar ist es noch zu früh, hierzu eine abschließende Aussage zu treffen – die nächste Ausgabe unseres GCI erscheint im Herbst 2016. Doch die Hinweise mehren sich, dass die Globalisierung sich verlangsamt und Gefahr läuft, zum Stillstand zu kommen. Insbesondere die jahrzehntelange segensreiche Entwicklung hin zu mehr Freihandel gerät ins Stocken. Die Welthandelsorganisation tut sich schwer, die Interessen von 164 Mitgliedsstaaten unter einen Hut zu bringen – das Schicksal der Doha-Runde ist ein sprechendes Beispiel. Auch der Abschluss bilateraler Handelsabkommen gestaltet sich immer schwieriger, wie die Kontroversen rund um TTIP oder CETA zeigen.

Hinzu kommt, dass längst niedergerissene Grenzen wieder aufgebaut und neue gezogen werden. In Form von Grenzzäunen, aber auch von kulturellen, wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Barrieren und Denkblockaden, die wir eigentlich überwunden glaubten. Krisen und Kriege, Flüchtlingsströme und der internationale Terrorismus wecken Ängste und vergrößern die Neigung zur Abschottung. National orientierte Bewegungen haben Auftrieb und die europäische Integration steckt seit geraumer Zeit in einer Krise. Der nun von den Briten beschlossene Brexit ist ein dramatischer Einschnitt für den gesamten Kontinent, der das Potenzial hat, das europäische Projekt zu gefährden.

 

Mehr Chancen durch Vernetzung

Ich halte diese Entwicklung für bedenklich. Denn eine vernetztere Welt ist auch eine bessere Welt. Mehr Offenheit, Vernetzung und Integration bedeuten mehr Chancen auf Wohlstand, Freiheit und Stabilität. Dies gilt für ein Industrie- und Exportland wie Deutschland genauso wie für die zahlreichen Entwicklungs- und Schwellenländer, die von Globalisierung und internationaler Arbeitsteilung enorm profitiert haben. Ein Beispiel ist das rasante Wachstum des Business Process Outsourcing auf den Philippinen, das dort bereits über eine Million Menschen ernährt und zu den erfolgreichsten Wirtschaftsbereichen des Landes gehört. Heute sind die Philippinen eines der größten globalen Zentren z.B. für Call-Center-Leistungen.

Vielerorts haben die letzten Jahrzehnte gezeigt, dass mehr Handel und Austausch die Wirtschaftsleistung erhöht, die Armut reduziert und für Vielfalt sowie kulturelle Bereicherung sorgt. Hinzu kommt, dass die Globalisierung gerade im Zeitalter der Digitalisierung völlig neue Möglichkeiten schafft – für Menschen und Unternehmen gleichermaßen. Einfacher und schneller denn je können wir heute neue Ideen aus aller Welt aufgreifen, von bahnbrechenden Innovationen profitieren und am globalen Austausch teilhaben. Ich bin überzeugt: Hier wirkt eine außerordentlich positive Kraft, die wir noch besser nutzen müssen, um neues Wachstum und mehr Wohlstand zu schaffen.

Gerade in Europa sollten wir uns dieser Zusammenhänge stärker bewusst sein. Unser vor 70 Jahren vom Krieg zerrütteter Kontinent ist heute die weltweit am stärksten vernetzte Region. Hier befinden sich neun der zehn am meisten globalisierten Länder. Europa ist das beste Beispiel für die Chancen, die aus der grenzüberschreitenden Integration entstehen. Diese hat zu dauerhaftem Frieden, Stabilität und Wohlstand geführt – zu pluralistischen Gesellschaften mit einem Höchstmaß an individueller Freiheit. Ich glaube fest daran, dass dies ein ausgezeichneter Ausgangspunkt ist, um unsere Erfolgsgeschichte auch in einer sich digital transformierenden Welt fortzusetzen. 

 

Den Fliehkräften entgegenwirken

Wir Europäer sollten daher genau wissen, was neue Grenzen, Nationalismen und Egoismen heraufbeschwören. Gerade jetzt dürfen wir nicht zulassen, dass allmählich der Zusammenhalt aufbricht, um den man uns in anderen Weltregionen bisher so beneidet hat. Und klar ist auch: Die großen Probleme unserer Zeit – von Klimawandel bis Terrorismus – sind globaler Natur und erfordern damit international koordinierte Lösungen, keine Alleingänge.

Wir brauchen deshalb Regierungen, die sich selbst und der Bevölkerung eingestehen, dass ein Handeln auf nationaler Ebene buchstäblich an Grenzen stößt. Stattdessen müssen wir ein breiteres Bewusstsein dafür schaffen, dass an der oft mühsamen Suche nach Einigungen auf internationaler Ebene kein Weg vorbeiführt. Natürlich ist klar: Weder die europäischen Institutionen noch die Vereinten Nationen oder andere internationale Organisationen sind perfekt. Aber sie werden mehr denn je gebraucht – als Foren des Austauschs und als Wegbereiter für mehr Kooperation und gemeinsame Lösungen.

„Die großen Probleme unserer Zeit sind global und erfordern international koordinierte Lösungen“

Dieses Bewusstsein entsteht nicht von allein. Deshalb müssen all diejenigen, die um die immensen Vorteile von mehr politischer Zusammenarbeit, wirtschaftlichem Austausch und gesellschaftlicher Vernetzung wissen, um dieses Bewusstsein werben. Auch global wirkende Unternehmen wie Deutsche Post DHL Group sind aufgefordert, sich an dieser Debatte zu beteiligen. Unser Engagement im Rahmen des Denkraum Für Soziale Marktwirtschaft ist ein Ausdruck dieses Bestrebens. Mit zahlreichen Mitarbeitern und Kunden rund um die Welt haben wir eine besondere Verpflichtung, Stellung zu beziehen und überzeugend für mehr Integration einzutreten. Dies sehe ich als einen elementaren Teil von gesellschaftlicher Verantwortung an.

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